(C) Kissogram 2012
Ja nitschewo nje ponimaju
                      ir erinnern uns nicht mehr an das Wetter. Wir
                      erinnern uns auch nicht mehr an die Platte,
                      die auf meinem Plattenspieler lief, es könnte
                      damals The Make Up gewesen sein. Könnte
                      aber auch Serge Gainsbourg gewesen sein. Wir nehmen an, dass die Sonne schien und dass es warm war, denn es war Sommer. Wir hatten viele, sehr sehr kurze elektronische Songs zusammen, gebastelt mit einer Korg-Workstation. Wir hatten einen alten Tascam-Achtspur-Rekorder und eine mexikanische Fender-Gitarre. Und einen alten Computer und siebenunddreißig unbeschriftete Disketten. Wir nahmen ein paar Songs auf, wir bastelten Kassetten und Flyer mit nackten Tennisspielerinnen für unseren ersten Auftritt in der Sonntagsbar in der Marienstrasse, Berlin, Mitte. 1999.

      Unser erstes Album haben wir nie veröffentlicht. Der erste Song, den wir veröffentlichten, hieß "If I Had Known This Before" und brachte uns Erfolg, vor allem in der Techno-Szene. Als Sebastian eines Abends einen Whisky bestellte und man ihm ungefragt Red Bull ins Glas schüttete, hatten wir genug  davon. Wir spielten wieder öfter mit unserer anderen Band, den Sitcom Warriors. Wir traten als "Don Multisex" auf und als "The Blood Boys". Und wir veröffentlichten eine Pop-EP namens "I'm Absolute" auf dem Hamburger Label Buback-Tonträger. Die war nicht so erfolgreich, aber das beste, was wir bis dahin gemacht hatten. Wir probten in meinem Wohnzimmer, der Nachbar klopfte und sagte, die Musik sei zu zyklisch. Wir gaben viele Konzerte damals. Es gab kaum eins, auf dem wir nüchtern waren. Wir schrieben "Forsaken People Come to me" und "Cool Kids can't die" und wurden gelobt. Ein Fan malte die Textzeile "Cool Kids Can't Fly" in übergroßen Buchstaben an die Mauer in Jerusalem. Die meisten Songs entstanden nachts zwischen null und vier Uhr.

      2004 fuhren wir plötzlich nach Paris. Am nächsten Tag saßen wir im Studio Ferber. Wir nahmen unser erstes reguläres Album "The Secret Life of Cpt. Ferber" auf, zusammen mit unserem Freund, dem kanadischen Pop-Ungeheuer und Pianisten Gonzales und dem Produzenten Renaud Letang. In "Girl in my shower" sang die kanadische Sängerin Feist unter der Dusche. Wir veröffentlichten auf dem Berliner Label Louisville-Records. Wir wurden wieder gelobt, auch vom "NME", aber damit hatten wir keine Probleme. Man versuchte, uns zu etikettieren, so wie man jede Band etikettiert, wenn sie das erste Album herausbringt. Man sagte, wir seien "New New Wave" oder erfand Nebelbegriffe wie "Elektro-Clash". Man sagte, wir seien "Bohemian Disco Wave". Man sagte, wir seien sympathisch und man sagte, wir seien arrogant. Ende 2004 hatten wir über hundert Songs zusammen. Wir tourten mit Peaches und mit dem Jeans Team. Jetzt wagte man es nicht mehr, uns Red Bull ins Whiskyglas zu gießen.

      Dann schrieben wir wieder neue Songs. Zu den üblichen unoriginellen Inspirationsquellen wie Alkohol, Gras, Sex, Schlaf und Fernsehen gesellten sich neue: Blues, arabische Musik und Film. Sebastian ging zweihundertdreizehn Mal pro Jahr ins Kino. Ich bevorzugte, Filme zu Hause zu sehen. Die Bildgewalt der Filme, die wir mochten, versuchten wir in unserer Musik und unseren Texten umzusetzen. Wir experimentierten mit Stilen, Symbolen und Klängen. Die amerikanische Schauspielerin Lauren Bacall weiß das alles nicht. Sie blickt einfach nur skeptisch und doch gelassen von dem Cover unseres zweiten Albums "Nothing, Sir!" aus in die Ferne. Das zweite Album hatte es erwartungsgemäß schwerer als das erste. Wir können nicht garantieren, dass es euch gefällt. Wir können nur garantieren, dass es sehr vielschichtig ist, dass wir es toll finden und dass wir viel Spass bei seiner Produktion hatten. Es hat übrigens nur ein Zwanzigstel soviel gekostet wie "Cpt. Ferber". Das war 2007.

      Es begannen Zeiten, die sich jeder Musiker mindestens einmal im Leben gönnen sollte: die Krisenzeiten. Wir zogen wahllos umher, experimentierten mit Bärten, billigen Supermarktprodukten, wechselten die Zigarettenmarke, die Freundin und die Wohnung. Sebastian schaffte es nur noch siebenundsechzig Mal im Jahr ins Kino zu gehen. Unsere Konzerte wurden lauter, wilder und aggressiver. Die alte Fender-Gitarre wurde immer dominanter und wir drehten den Verstärker auf. Jetzt nannte man unseren Sound zum Beispiel       "Rock 'n' Roll-Disko". Wir spielten in ungewöhnlichen Städten wie Bukarest und Kiew, wir spielten in Spanien, Finnland, Dänemark und vielen anderen Ländern aber wenig in Deutschland. Wir gründeten das Kissogram-Alter-Ego "The Gods of Love", eine Beatband, die aber nur nebenbei existierte. Auf einem der drei Konzerte legte ein Londoner Fotograf ungarische Beatmusik der sechziger und siebziger Jahre auf. Er hieß Joe Dilworth, hatte früher bei Stereolab und Add (N) to X Schlagzeug gespielt, war Tourschlagzeuger von Cat Power und wußte an dem Abend noch nicht, dass er ein paar Monate später bei Kissogram trommeln würde.

      Währenddessen hatten wir neue Songs geschrieben und ein Konzept für ein neues Album entworfen. Die neue Platte sollte weniger verspielt sein. Sie sollte sehr roh, laut und druckvoll klingen. Wir wollten weniger Elektronik, vor allem weniger Computer benutzen. Wir wollten die Offensivität und Kraft unserer Live-Konzerte auf Platte pressen. Textlich wollten wir unter anderem die Sicht auf die Welt von unten thematisieren. Wie schaut sich ein krimineller Arbeitsloser den Mond an ("Messiah"). Wie verliert man als achtzehnjähriger Soldat die Laune im Krieg ("The Deserter"). Wie ist es, in einer Fleischfabrik zu arbeiten ("Rubber and Meat"). Wie sehr hasst man diejenigen, die nicht in einer Fleischfabrik arbeiten müssen ("Prominent Man"). Wir begannen, in einem feuchten Kreuzberger Keller zu proben. Während jeder Probe mussten wir uns einen Cheeseburger beim "Burgermeister" am Schlesischen Tor kaufen. Während der ersten Aufnahmen für das dritte Album in der Brunnenstrasse in Berlin, merkten wir, dass das neue das Album sehr gut werden würde. Wir merkten, dass die Kraft, die wir in diese Platte hineinsteckten, nicht in den Untiefen eines Mischpultes und der Verstärker stecken bleiben würde, sondern dass wir es schaffen würden sie auf der Platte zu konservieren. Die schon gut vorbereiteten Einzelspuren und rudimentären Mixe brachten wir nach Stockholm. In Stockholm-Grondahl saß ein kleiner Mann vor einem ungalublich großen Mischpult. Er hieß Pelle Gunnerfeldt, hatte Bands wie The Hives und The International Noise Conspiracy produziert und jagte nun unsere verzerrten Gitarren, unsere kranken Synthesizerklänge, Joes animalisches Schlagzeugspiel und meinen Gesang durch sein Mischpult und durch seine Kompressoren.

      Das Ergebnis, unser drittes Album namens "Rubber and Meat" erscheint wieder auf Louisville-Records und man kann es ab März 2009 im Laden kaufen. In der Musikerklause auf der Torstraße in Berlin lernten wir Franz Ferdinand kennen. Eine kurze Zeit später spielten wir zusammen in Warschau. Franz Ferdinand, von unserem Konzert angetan, beschlossen noch an dem Abend, in Zukunft mehrere Konzerte zusammen zu spielen. Wir werden sie im März auf ihrer Europa-Tour supporten. Wir werden auf dieser Tour alles geben, was wir haben. Dass wir wieder viel trinken und feiern werden, wird sich nicht vermeiden lassen, denn so professionell sind wir auch wieder nicht. Wir werden fast jeden Tag bis zur Erschöpfung spielen. Und am letzten Tag, im spanischen Granada, werden wir uns in die Sonne legen. Aber nur für drei Tage.

      Fortsetzung folgt.

      JP
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